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Was für Träume hat Gott der Missionar? - Interview mit dem Missionstheologen Klaus Schäfer



" Wir haben auf jeden Fall eine missionarische Situation in Deutschland "

von Friedrich Degenhardt

Pastor Dr. Klaus Schäfer ist ein anerkannter Missionstheologe und hat an zahlreichen Konferenzen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) maßgeblich mitgearbeitet. Von 1988 bis 1993 war er Dozent am Andhra Christian Theological College in Hyderabad, Indien. Seit 1993 ist Schäfer im Evangelischen Missionswerk in Deutschland (EMW) tätig, zuletzt als Referent für theologische Grundsatzfragen. Ab 1. Juli 2005 wird er als neuer Direktor des Nordelbischen Missionszentrums (NMZ) in Hamburg arbeiten.

Mission ist für mich...

...meinen Glauben in der Welt in Worten und Taten zu bezeugen, etwas auszustrahlen von dem, wovon ich überzeugt bin. Mission ist ein ganz natürlicher Vorgang, ohne Aufdrängen. Im Vordergrund steht nicht Missionierung in anderen Ländern, sondern es geht zunächst um die Ausstrahlung in das eigene Umfeld, um Kirchen, die sich für ihre Mitmenschen engagieren. Mission ist ganzheitlich: Es geht um Überzeugungen, aber auch um Gerechtigkeit, den Einsatz für andere.

Ich bin entschieden für die Benutzung des Begriffes Mission. Er ist eine Erinnerung daran, dass die Kirche für die Menschen da ist, nicht für sich selbst. Der Begriff ist belastet, doch gerade deshalb sollten wir ihn nicht irgendwelchen Fundamentalisten überlassen, sondern ihn kritisch gebrauchen.

Brauchen wir Mission in Deutschland?

Wir haben auf jeden Fall eine missionarische Situation in Deutschland. Durch Traditionsabbruch sind viele Menschen von der Kirche entfremdet. Wir müssen den Kirchengemeinden bewußt machen: Wir haben eine Aufgabe. Das schließt das Gespräch über den Glauben, aber auch soziales Engagement ein; in Deutschland konkret den Einsatz für Flüchtlinge und Asylbewerber.

Es ist auffällig, dass auch dort, wo sich die Kirche stark sozial engagiert, es vielen Gemeindemitgliedern schwer fällt, über den eigenen Glauben zu sprechen. Die Weltmissionskonferenz lädt dazu ein.

Erleben wir in den deutschen Kirchen zur Zeit Trauer oder Aufbruch?

Alle Kirchen sind in einer großen Umbruchsituation. Wir müssen uns von der allgemeinen, fraglosen Grundversorgung verabschieden. Die Trauer darüber ist noch nicht bewältigt. Der notwendige Personalabbau, die Schließung von Einrichtungen ist sehr schmerzhaft. Das Ringen um neue Prioritäten dauert noch an. Das ist noch nicht der Aufbruch, sondern Zeit zum Loslassen. Doch das bedeutet keinesfalls Resignation.

Ich hoffe, dass wir die Kurve zum Aufschwung schaffen werden. Die Weltmissionskonferenz kann dafür ein Hoffnungszeichen sein, denn wir erleben hier, dass in Afrika und Asien die Kirchen wachsen. Wir sind in Deutschland nicht das Zentrum der Welt. Wir können Mut daraus gewinnen, dass das Evangelium woanders so lebenskräftig zu sein scheint.

Wo brauchen wir in der deutschen Gesellschaft Heilung und Versöhnung?

Heilung ist heute das religiöse Thema schlechthin. Die esoterische, ganzheitliche, sinnliche Suche, Entspannung, Wellness. Das ist nicht nur physisch. Das hat oft mit Heilung zu tun. Eine gibt eine starke Sehnsucht nach Geborgenheit, Trost. All dies sind zuerst einmal natürlich individuelle Bedürfnisse, aber insgesamt ist dies auch ein gesellschaftliches Phänomen.

Wir müssen es stärker in unsere Gottesdienste einbringen. Durch Heilungsgottesdienste mit Gebet, Salbung, Segensgesten. In der Kirche wurde Heilung in der Vergangenheit oft nur pflegerisch betrachtet.

Versöhnung, auch wenn wir keine offen gewalttätigen Konflikte haben, ist ein ureigenes deutsches Thema, tief mit der deutschen Geschichte von Krieg und Völkermord verbunden. Versöhnung zwischen den Generationen, mit unseren Nachbarn, aber auch innerhalb von Kirchengemeinden und zwischen Kirchen.

Versöhnung ist für mich die Vision vom Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichem Glauben. Die Integration von Muslimen und Migranten in unserer Gesellschaft. Versöhnung ist eine Kultur des gelingenden Zusammenlebens trotz persönlicher und kultureller Differenzen.

Die Aufgabe der Missionswerke ist es außerdem, sich mit Konfliktgebieten auseinanderzusetzen; im Fall des NMZ in Indien und im Kongo. Wie können wir unsere Partner in ihrem Engagement für Versöhnung unterstützen?

Wie können "heilende und versöhnende Gemeinschaften" konkret gestaltet werden?

Die Gemeinschaften, von denen auf der Weltmissionskonferenz gesprochen wurde, entstehen durch Kirchengemeinden in Stadtteilen mit ausländischer Bevölkerung, die sich für den Austausch öffnen. Durch inklusive Gemeinden, die behinderte Menschen willkommen heißen, Menschen einladen und besuchen. Aber auch z.B. durch Projekte gegen Gewalt in den Schulen.

Heilung sollte gerade im Gottesdienst mehr Raum finden. Wir brauchen Heilungsgottesdienste mit Segenshandlungen und mit Gesprächen über Themen, für die sonst in der Gesellschaft kaum Raum ist. Es geht um die Umsetzung der Dialogdimension der christlichen Botschaft.

Ich bin optimistisch, dass unsere Kirchengemeinden dies aufnehmen können. Das Thema dieser Weltmissionskonferenz ist ein Gebet zum Heiligen Geist für heilende und versöhnende Gemeinschaften. Ich hoffe, dass der Heilige Geist unsere Gemeinden erneuern wird, zu Einladung, Besuchen, Beiträgen für das Gemeinwesen.

Ich möchte mich für eine Kirche in Begegnung mit Anderen engagieren. Wir müssen uns fragen: Wo in unserem Umfeld ist Gott am Werk? Was sagt er uns durch diese Menschen um uns herum? Was sollen wir tun? Gott, der Missionar, was für Träume hat er für unser Gemeinwesen, unsere Stadt?

Was nehmen Sie von Athen mit zurück nach Hamburg?

Diese Weltmissionskonferenz hatte sehr viele Facetten. Es ist nicht leicht, einen dominanten Aspekt herauszuheben. Vielleicht ist die erste Botschaft: Ja, die Kirche ist lebendig! Wir verkündigen das Evangelium, und wir wollen heilende Gemeinschaften werden.

Ich nehme viele Anregungen für die Gemeindearbeit mit. Viel Positives, Bewegendes, Inspirierendes. Aus allen Enden der Welt. Und auch von den pfingstkirchlichen Teilnehmern.

Es bleibt aber auch Traurigkeit: Wir leben als Kirchen in Spannungen und Konflikten. Das ist sehr schmerzlich und war nie so deutlich wie in Athen. Gemeinsam das Abendmahl zu feiern ist nicht möglich. Und die Praxis konfessioneller Gottesdienste, an denen man als Gast teilnimmt, aber nicht miteinander feiert, empfinde ich als Rückschritt in der ökumenischen Bewegung.

Es ist trotzdem ein Hoffnungszeichen, dass die orthodoxe Kirche von Griechenland uns eingeladen hat, trotz Spannungen und Streit darüber in der griechischen Gesellschaft. Das Gespräch geht weiter.

Und ich nehme die Begeisterung vieler junger Leute von hier mit. Sie sind viel unbeschwerter als wir es waren, nicht so belastet beim Thema Mission.

Welche Folgen hat für uns in Deutschland die Tatsache, dass sich der Schwerpunkt des Christentums in den Süden verschiebt?

Der christliche Glaube wird uns verfremdet. Er wird pluralistischer. Es kann nicht mehr nur die eine normative Art des Glaubens geben, als die wir unsere bisher gerne gesehen haben. Die Varianten sehen heute ganz anders aus. Für uns oft viel zu synkretistisch, oder zu emotional.

Das müssen deutsche Theologen erst lernen. Zumal die akademische Theologie auch nicht die einzige Form ist. Andere sind viel erzählender, nicht an Begriffen orientiert. Über Migranten aus Afrika oder asiatische Gemeinden kommen diese pfingstkirchlichen und enthusiastischen Formen auch nach Deutschland. Sie kommen mit einem eigenen Willen zur Mission, wenn dieser auch oft etwas naiv und nicht besonders kultursensibel ist.

Welche Impulse nehmen Sie für Ihr neues Amt mit? Wird die Ökumene in Deutschland evangelikaler und pfingstkirchlicher?

Unsere Partnerkirchen in Übersee sind ja lutherisch, und das wird auch so bleiben. In Hamburg oder Kiel werden gerade evangelikale und pfingstkirchliche Migrantengemeinden immer präsenter. Unsere Partnerschaft mit denen muss sich dadurch bewähren, dass wir das Gespräch suchen, Gebäude zur Verfügung stellen, durch Einladungen zwischen den Gemeinden.Vielleicht werden wir selbst etwas charismatischer, doch übertriebene Emotionalität passt wahrscheinlich nicht zu unserer Mentalität. Ich wünsche mir aber, dass wir uns öffnen für die Freundlichkeit und Fröhlichkeit solcher Gemeinden, dass deutsche Gemeinden fröhlich auf ihre Nachbarn zugehen. [1168 Wörter]

Friedrich Degenhardt ist Theologe und Journalist (DJV) und arbeitet z.Zt. als Sondervikar der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (Deutschland) in der Pressestelle des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf.